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Im Sommerloch: Ungeheuerliche Verdauungsstörung
Eis bricht alle Rekorde II oder: Gedanken beim Eiskaffee
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Montag, 30. August 2010
Tim Raue: Großer Koch mit kleinen Sünden
Die großen Köche sind nach wie vor ein großes Thema für die Medien. Dass sogar die taz dem Berliner Sternekoch Tim Raue am Wochenende ein 2-seitiges Interview widmete, hat er sicher der künftigen Nachbarschaft zur Redaktion zu verdanken. Nach dem „Aus“ im vornehmen Berliner Adlon nimmt Raue (bzw. seine Frau als Betreiberin) sein Schicksal erstmals selbstständig in die eigene Hand und eröffnet demnächst in der Dutschkestraße ein eigenes Restaurant. Dafür kann man ihm nur immer volles Haus und viele gut betuchte Gäste wünschen.
In dem  lesenswerten Interview erzählt der bekennende Workaholic auch über seine eigenen Ernährungssünden: „Ich gebe mir Mühe, nichts mehr in mich reinzuschaufeln. Das ist auch einfach noch ein Trauma meiner Jugend, dass in den Situationen, wo es mir besonders schlecht ging, meine Oma was für mich gekocht hat. Ich hab das bis heute so drin: Wenn es mir schlecht geht, dann esse ich. Ich habe jetzt auch wieder zugenommen, weil ich einfach unter Druck bin, unter Stress, und dann esse ich sinnfrei nachts. Dann hämmer ich mir irgendwas rein. Ich trinke keinen Kaffee, ich rauche nicht, ich trinke keine Schnäpse, ich komme vielleicht auf eine Flasche Champagnerwein pro Monat, das wars, aber wenn ich im Stress bin, dann sauf ich Limonade. Kistenweise. Ich bin der totale Zuckerjunkie.
Das lässt den Star sehr menschlich erscheinen - im Gegensatz zu manchen dozierenden Besserwissern der Szene. Und es zeigt: Kochen können bewahrt beileibe nicht vor den kleinen Alltagssünden, die sich bei vielen über die Jahre hinweg zum großen Übergewicht auswachsen.
Freitag, 27. August 2010
Jugendliche & Alkohol: Verbote bringen gar nichts
An den Sinn von strikten Alkoholverboten für Jugendliche habe ich noch nie geglaubt. Mein Vater war Winzer. Ich durfte schon mit 12 am „Neuen“ nippen, und er hat mir erklärt, warum der eine besser und der andere schlechter ist, und was man in so einem Glas Wein alles riechen kann. Er hat mir aber auch von Anfang an erklärt, warum Maß halten beim Alkohol wichtig ist – genügend üble Beispiele dafür gab es auch damals schon. Bis heute liebe ich einen guten Schluck Wein, ohne jemals den Blick für’s rechte Maß verloren zu haben (..na ja, war da nicht hie und da mal was in der Studentenzeit? Kleine Jugendsünden, vergeben und vergessen).
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Mit meinem Sohn hab ich das genauso gehalten, manchmal schon mit schlechtem Gewissen, wenn mal wieder Schreckliches über jugendliche Komasäufer zu lesen war. Jetzt, wo der Knabe erwachsen wird, bin ich überzeugt von der Richtigkeit meiner Alkohol-Erziehungsstrategie. Darauf hat mich jüngst ein Bericht gebracht, der dieser Tage durch die Medien ging. So berichtete etwa die WELT: Jugendliche und junge Erwachsene, die in ihren Familien zum Essen eine geringe Menge an alkoholischen Getränken konsumieren dürfen, trinken als Erwachsene seltener bis zum Rausch und werden seltener alkoholkrank als Jugendliche, die zu Hause einem Alkoholverbot unterliegen. Das berichten Forscher um Lee Strunin von der Boston University (US-Staat Massachusetts) im Journal "Addiction, Research and Theory".
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Das Ergebnis stützt Studien, die bereits in den vergangenen Jahren gezeigt hatten: Ein moderater, altersangepasster Alkoholkonsum in der Familie wirkt suchtvorbeugend. Die Welt resümiert mit einem Gedanken, den ich nur unterstützen kann: Toleranz gegen Missbrauch - die US-Studie scheint eine häufig missachtete Weisheit zu reflektieren: Verbotenes lockt, überzogene Verhaltensregeln können das Gegenteil dessen bewirken, was sie bezwecken.Â
Samstag, 24. Juli 2010
Im Sommerloch: Ungeheuerliche Verdauungsstörung
Seit Tagen lagern Dutzende von Reportern mit aufnahmebereiten Mikrofonen und Kameras erwartungsvoll am Rande des Sommerlochs. Das Warten wurde jetzt belohnt. Gestern sind die ersten Ungeheuer aus den Tiefen des Lochs aufgetaucht. Es soll sich um zwei besonders große Exemplare der Gattung „Ungeheuer Bedeutungslos“ gehandelt haben. Nach einer ersten Schwarmanalyse gehören sie den Fraktionen der CDU und FDP an. Während die Leittiere der Schwärme derzeit komplett in Richtung Süden abgetaucht sind, konnten die beiden als die daheimgebliebenen Lochhocker Wanderwitz und Lotter identifiziert werden. Zwei Exemplare also, die bisher noch nie aufgetaucht sind – schon gar nicht in den Medien. Für Ungeheuer der Spezies „Bedeutungslos“ ist dies eine beachtliche Leistung, die eine ungewöhnliche Ursache zu haben scheint: Den nötigen Auftrieb verschaffte ihnen eine krankhafte Verdauungsstörung. Wie so oft war BILD ganz vorne mit dabei, als sich die beiden über die Folgen schlechter Ernährung im Sommerloch beschwerten. Nur dank der Geistesgegenwart der BILD-Reporter konnte das kurze Auftauchen festgehalten werden. „Das Problem ist und bleibt die Verfettung unserer Kinder!“ blubberte Lotter und forderte ein Fast Food Verbot. „Mehr Steuern für die Dicken“ – oder so ähnlich -  blabberte Wanderwitz. Und schon verschwanden beide wieder in der Versenkung. Â
Bereits kurz nach dem sensationellen BILD -Bericht meldete sich – wie immer ungefragt – das SPD Gesundheitsorakel Karlchen (Lauterbach) aus dem wohlverdienten Grillurlaub. Sein Urteil ( ausnahmsweise kurz und bündig): „Ungeheurer Schwachsinn!“ – Und damit hat er sogar recht. Der Ernährungsexperte Dr. Friedhelm Mühleib forderte in seinem Weblog wohl-bekomms ein Fütterungsverbot für sensationshungrige Reporter im Sommerloch, da ansonsten die Gefahr einer unerträglichen medialen Umweltverschmutzung mit unabsehbaren Folgen für die mentale Gesundheit der Bürger drohe.  Â
Mittwoch, 21. Juli 2010
Eis bricht alle Rekorde II oder: Gedanken beim Eiskaffee
Die zweite Eisbrecher-Meldung kommt ebenfalls von BILD: Das Eis bricht in Rekordgeschwindigkeit. BILD fragt: „Klimawandel – Kriegt die Welt schon jetzt das Fieber?“ Klar, bei der Hitze muss die Headline kommen! Dann die Rekordmeldung:
Das Eis in der Arktis, so etwas wie die Klimaanlage der Welt, wird immer dünner und erreichte dieses Jahr ein Rekord-Tief. „Das ist entscheidend, weil das Eis Sonnenstrahlen ins Weltall reflektiert“, sagte CNN-Meteorologe Taylor Ward. „Ohne den normalen Umfang an Eis in der Arktis gelangt mehr Strahlung ins Meer – was dazu führt, dass wieder mehr Eis schmilzt.“
Auch das Eis in meinem Eiskaffee schmilzt in Sekundenschnelle. Ich denke an die große Eisschmelze in der Arktis und hoffe, dass das Eiswasser dort klarer ist als meine schmutzig-braune Eiskaffeebrühe. Ein Klimaexperte in einem anderen Blatt (wo war’s bloß noch – mein Gott, die Hitze) meint: So lange wir leben, wird’s nicht so schlimm. Bis 2050 gibt's im Rheinland schlimmstenfalls Temperaturen wie heutzutage in Norditalien. „Das wird den Schwarzkirschen in unserem Garten gut bekommen, Mon Chérie“, sag ich zu meiner Liebsten. Richtig übel soll es erst 100 Jahre später werden. Na dann lehn ich mich doch nochmal kurz entspannt zurück. „Liebling, machts Du mir noch einen Eiskaffee?“
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Touris besichtigen das letzte Arktiseis. Na ja - hier geht's schon Richtung Antarktis. Um genau zu sein sind wir hier am Perito Moreno.
Dienstag, 20. Juli 2010
Eis bricht alle Rekorde
Rekordumsätze durch Supersommer - Deutschland isst Eis ohne Ende! Das meldet BILD vor ein paar Minuten. Schon kommt der FOCUS hinterher: Deutschland ist heiß auf Eis: Landauf, landab fahren die Eishersteller Sonderschichten. Denn vom Eishunger getrieben plündern die Deutschen Kühltruhen, Kioske und Eiscafés dermaßen, dass eine wahre Bestellungswelle auf die Produzenten zurollt.
Ab 30° im Schatten scheint es keinen Menschen mehr zu stören, ob das Eis ein übles Industrieprodukt ist (siehe vorherigen Blogeintrag), das in geschmolzenem Zustand eine gefärbte, zuckrige, aromatiserte, wässrige oder fettige Chemiesoße ist. Bei den Mengen, die jetzt verzehrt werden (die Hersteller hoffen auf einen Rekordverbrauch von über 8 Litern pro Kopf) sorgt sich der Eisschlecker eher um den reibungslosen Nachschub. Defekte Klimaanlagen im ICE (Sprich: Eisi) sind stundenweise noch erträglich. Leere Truhen durch einen Lieferengpass beim Eis? Heiliger Hitzschlag, das wäre eine Katastrophe! Doch der FOCUS entwarnt: Trotz der Riesennachfrage ist bei allen Herstellern zu hören, dass sie auf der Zutatenseite keine Engpässe haben und auch die Preise der Lieferanten noch nicht steigen. Und bei aller Eis-Euphorie kann der BDSI auch ein Stück weit bremsen: „Beim Pro-Kopf-Verbrauch liegen wir Deutschen im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld“, sagt Eisexperte Kammerinke. Erstaunlicherweise führen die Skandinavier.
Schon schmilzt die Panik. Trotzdem brauch ich jetzt ein Eis – am liebsten würde ich mir jetzt einen noggern. Nogger (wer erinnert sich noch)? Gibt’s nicht mehr! Das echte Nogger ist für immer aus! Muss ich mit Magnum vorlieb nehmen. Egal, Hauptsache kalt, Hauptsache Eis.
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Sonntag, 4. Juli 2010
Schnell noch ein Eis
Oder: wie das Eis seinen Charme verlor
Mit Genuss schlürfe ich einen Eiskaffe, blättere entspannt auf der Sonnenliege in alten Zeitungen. Da bleibt mir vor Schauder das leckere Eis im Halse stecken. Anlass ist die aktuelle Schmähung des professionellen Appetitverderbers und Taz-Autors Till Ehrlich. Der hat sich – passend zur Hitzewelle - das Speiseeis für seinen jüngsten Verriss ausgesucht:
"Gefrorenes lässt sich zwar verspeisen, aber man kann es nicht ernsthaft als eine Speise bezeichnen. Die Bestandteile eines industriell hergestellten Eises sind in der Regel so dürftig, das man sie sich bei Zimmertemperatur nich freiwillig einverleiben wollte. In geschmolzenem Zustand ist es eine gefärbte, zuckrige, aromatiserte, wässrige oder fettige Chemiesoße, die schnell Ekel hervorruft.“
Ich lerne: Eis ist eklig – und außerdem sind Leute, die Eis mögen, doof: „Das Lecken und Schlecken von knallbuntem Eisbrei scheint primär orale und kindliche Bedürfnisse zu befriedigen.“ Als Alternative empfiehlt Herr Ehrlich Sorbets und Parfaits, was ja gar nicht so verkehrt ist. Nur den Schlusssatz hätte er besser im ewigen Eis gelassen: „Dabei hat etwa ein Erdbeerparfait den zeitlosen Charme, dass es am besten schmeckt, wenn man es selbst macht.“ Was hat der gute Mann denn in diesem Satz alles verwurschtelt? Der hat bei den Recherchen wohl zu viel fettige Chemiesoße verkostet und der knallbunte Eisbrei ist ihm zu Kopf gestiegen. Beim Forschen nach dem Satz-Sinn stellen sich mir doch glatt die Charme-Haare zu Berge.
Ich lerne aus der Geschichte: Ist das Eis in meinem Eiskaffee erst einmal geschmolzen, hat es jeden Charme verloren und mutiert zur ekligen Chemiesoße. Da ist doch die einzig sinnvolle Konsequenz: Möglichst schnell runter damit. Aaaah – lecker, lecker, lecker!
(Leider kommt man an die Artikel des TAZ-Archivs nur noch gegen Bezahlung ran. Dort findet man die Geschichte in der Ausgabe vom 26./27. Juni unter dem Titel „Schnee im Mund“)
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