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Samstag, 24. Juli 2010
Im Sommerloch: Ungeheuerliche Verdauungsstörung
Seit Tagen lagern Dutzende von Reportern mit aufnahmebereiten Mikrofonen und Kameras erwartungsvoll am Rande des Sommerlochs. Das Warten wurde jetzt belohnt. Gestern sind die ersten Ungeheuer aus den Tiefen des Lochs aufgetaucht. Es soll sich um zwei besonders große Exemplare der Gattung „Ungeheuer Bedeutungslos“ gehandelt haben. Nach einer ersten Schwarmanalyse gehören sie den Fraktionen der CDU und FDP an. Während die Leittiere der Schwärme derzeit komplett in Richtung Süden abgetaucht sind, konnten die beiden als die daheimgebliebenen Lochhocker Wanderwitz und Lotter identifiziert werden. Zwei Exemplare also, die bisher noch nie aufgetaucht sind – schon gar nicht in den Medien. Für Ungeheuer der Spezies „Bedeutungslos“ ist dies eine beachtliche Leistung, die eine ungewöhnliche Ursache zu haben scheint: Den nötigen Auftrieb verschaffte ihnen eine krankhafte Verdauungsstörung. Wie so oft war BILD ganz vorne mit dabei, als sich die beiden über die Folgen schlechter Ernährung im Sommerloch beschwerten. Nur dank der Geistesgegenwart der BILD-Reporter konnte das kurze Auftauchen festgehalten werden. „Das Problem ist und bleibt die Verfettung unserer Kinder!“ blubberte Lotter und forderte ein Fast Food Verbot. „Mehr Steuern für die Dicken“ – oder so ähnlich -  blabberte Wanderwitz. Und schon verschwanden beide wieder in der Versenkung. Â
Bereits kurz nach dem sensationellen BILD -Bericht meldete sich – wie immer ungefragt – das SPD Gesundheitsorakel Karlchen (Lauterbach) aus dem wohlverdienten Grillurlaub. Sein Urteil ( ausnahmsweise kurz und bündig): „Ungeheurer Schwachsinn!“ – Und damit hat er sogar recht. Der Ernährungsexperte Dr. Friedhelm Mühleib forderte in seinem Weblog wohl-bekomms ein Fütterungsverbot für sensationshungrige Reporter im Sommerloch, da ansonsten die Gefahr einer unerträglichen medialen Umweltverschmutzung mit unabsehbaren Folgen für die mentale Gesundheit der Bürger drohe.  Â
Mittwoch, 21. Juli 2010
Eis bricht alle Rekorde II oder: Gedanken beim Eiskaffee
Die zweite Eisbrecher-Meldung kommt ebenfalls von BILD: Das Eis bricht in Rekordgeschwindigkeit. BILD fragt: „Klimawandel – Kriegt die Welt schon jetzt das Fieber?“ Klar, bei der Hitze muss die Headline kommen! Dann die Rekordmeldung:
Das Eis in der Arktis, so etwas wie die Klimaanlage der Welt, wird immer dünner und erreichte dieses Jahr ein Rekord-Tief. „Das ist entscheidend, weil das Eis Sonnenstrahlen ins Weltall reflektiert“, sagte CNN-Meteorologe Taylor Ward. „Ohne den normalen Umfang an Eis in der Arktis gelangt mehr Strahlung ins Meer – was dazu führt, dass wieder mehr Eis schmilzt.“
Auch das Eis in meinem Eiskaffee schmilzt in Sekundenschnelle. Ich denke an die große Eisschmelze in der Arktis und hoffe, dass das Eiswasser dort klarer ist als meine schmutzig-braune Eiskaffeebrühe. Ein Klimaexperte in einem anderen Blatt (wo war’s bloß noch – mein Gott, die Hitze) meint: So lange wir leben, wird’s nicht so schlimm. Bis 2050 gibt's im Rheinland schlimmstenfalls Temperaturen wie heutzutage in Norditalien. „Das wird den Schwarzkirschen in unserem Garten gut bekommen, Mon Chérie“, sag ich zu meiner Liebsten. Richtig übel soll es erst 100 Jahre später werden. Na dann lehn ich mich doch nochmal kurz entspannt zurück. „Liebling, machts Du mir noch einen Eiskaffee?“
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Touris besichtigen das letzte Arktiseis. Na ja - hier geht's schon Richtung Antarktis. Um genau zu sein sind wir hier am Perito Moreno.
Dienstag, 20. Juli 2010
Eis bricht alle Rekorde
Rekordumsätze durch Supersommer - Deutschland isst Eis ohne Ende! Das meldet BILD vor ein paar Minuten. Schon kommt der FOCUS hinterher: Deutschland ist heiß auf Eis: Landauf, landab fahren die Eishersteller Sonderschichten. Denn vom Eishunger getrieben plündern die Deutschen Kühltruhen, Kioske und Eiscafés dermaßen, dass eine wahre Bestellungswelle auf die Produzenten zurollt.
Ab 30° im Schatten scheint es keinen Menschen mehr zu stören, ob das Eis ein übles Industrieprodukt ist (siehe vorherigen Blogeintrag), das in geschmolzenem Zustand eine gefärbte, zuckrige, aromatiserte, wässrige oder fettige Chemiesoße ist. Bei den Mengen, die jetzt verzehrt werden (die Hersteller hoffen auf einen Rekordverbrauch von über 8 Litern pro Kopf) sorgt sich der Eisschlecker eher um den reibungslosen Nachschub. Defekte Klimaanlagen im ICE (Sprich: Eisi) sind stundenweise noch erträglich. Leere Truhen durch einen Lieferengpass beim Eis? Heiliger Hitzschlag, das wäre eine Katastrophe! Doch der FOCUS entwarnt: Trotz der Riesennachfrage ist bei allen Herstellern zu hören, dass sie auf der Zutatenseite keine Engpässe haben und auch die Preise der Lieferanten noch nicht steigen. Und bei aller Eis-Euphorie kann der BDSI auch ein Stück weit bremsen: „Beim Pro-Kopf-Verbrauch liegen wir Deutschen im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld“, sagt Eisexperte Kammerinke. Erstaunlicherweise führen die Skandinavier.
Schon schmilzt die Panik. Trotzdem brauch ich jetzt ein Eis – am liebsten würde ich mir jetzt einen noggern. Nogger (wer erinnert sich noch)? Gibt’s nicht mehr! Das echte Nogger ist für immer aus! Muss ich mit Magnum vorlieb nehmen. Egal, Hauptsache kalt, Hauptsache Eis.
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Sonntag, 4. Juli 2010
Schnell noch ein Eis
Oder: wie das Eis seinen Charme verlor
Mit Genuss schlürfe ich einen Eiskaffe, blättere entspannt auf der Sonnenliege in alten Zeitungen. Da bleibt mir vor Schauder das leckere Eis im Halse stecken. Anlass ist die aktuelle Schmähung des professionellen Appetitverderbers und Taz-Autors Till Ehrlich. Der hat sich – passend zur Hitzewelle - das Speiseeis für seinen jüngsten Verriss ausgesucht:
"Gefrorenes lässt sich zwar verspeisen, aber man kann es nicht ernsthaft als eine Speise bezeichnen. Die Bestandteile eines industriell hergestellten Eises sind in der Regel so dürftig, das man sie sich bei Zimmertemperatur nich freiwillig einverleiben wollte. In geschmolzenem Zustand ist es eine gefärbte, zuckrige, aromatiserte, wässrige oder fettige Chemiesoße, die schnell Ekel hervorruft.“
Ich lerne: Eis ist eklig – und außerdem sind Leute, die Eis mögen, doof: „Das Lecken und Schlecken von knallbuntem Eisbrei scheint primär orale und kindliche Bedürfnisse zu befriedigen.“ Als Alternative empfiehlt Herr Ehrlich Sorbets und Parfaits, was ja gar nicht so verkehrt ist. Nur den Schlusssatz hätte er besser im ewigen Eis gelassen: „Dabei hat etwa ein Erdbeerparfait den zeitlosen Charme, dass es am besten schmeckt, wenn man es selbst macht.“ Was hat der gute Mann denn in diesem Satz alles verwurschtelt? Der hat bei den Recherchen wohl zu viel fettige Chemiesoße verkostet und der knallbunte Eisbrei ist ihm zu Kopf gestiegen. Beim Forschen nach dem Satz-Sinn stellen sich mir doch glatt die Charme-Haare zu Berge.
Ich lerne aus der Geschichte: Ist das Eis in meinem Eiskaffee erst einmal geschmolzen, hat es jeden Charme verloren und mutiert zur ekligen Chemiesoße. Da ist doch die einzig sinnvolle Konsequenz: Möglichst schnell runter damit. Aaaah – lecker, lecker, lecker!
(Leider kommt man an die Artikel des TAZ-Archivs nur noch gegen Bezahlung ran. Dort findet man die Geschichte in der Ausgabe vom 26./27. Juni unter dem Titel „Schnee im Mund“)
Donnerstag, 1. Juli 2010
Grillen und gegrillt werden
Früher musste der Deutsche noch in die Ferne reisen, um gegrillt zu werden. Da zog es die germanischen Massen gen Süden zum Teutonengrill. Heute gilt: The heat ist on - gegrillt wird zu hause. Die Deutschen haben 2009 deutlich mehr gegrillt als in den Jahren zuvor. Rund 178.430 Tonnen Holzkohle seien im vergangenen Jahr aus anderen Ländern nach Deutschland eingeführt worden, teilte das Statistische Bundesamt kürzlich mit. Das sind 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Das lag an den vielen Sonnentagen. Der derzeit universale abendliche Grillgeruch über dem Rheinland lässt mich prophezeien: Das Grilljahr 2010 wird nochmals alle Rekorde brechen. Der größte Teil der Importkohle kam übrigens der Meldung zufolge aus Paraguay – die Gründe dafür sind mir schleierhaft. Ich weiß nur, dass Paraguay am Wochenende in Kapstadt von den Spaniern im Kalträucherverfahren gegrillt werden wird.
Der Grillrekord der Deutschen veranlasste meinen Lieblingskolumnisten Hans Zippert in seiner WELT-Kolumne „Zippert zappt“ dieser Tage zu einigen grundlegenden Fragen: „ Warum grillt dieses Volk so gerne? Wollen die Deutschen sich auf die Hölle vorbereiten, in der sie eines Tages schmoren müssen wie die Bratwurst auf dem Rost? Stimmt man sich auf eine Weltwirtschaftskrise ein, wo man grillen muss, was man zu fassen kriegt? Die Bundesregierung will sicherheitshalber das Recht zum Grillen im Grundgesetz verankern. .,Gestrichen wurde nach Intervention von Jutizministerin Leutheuser Schnarrenberger der Zusatz: Auf deutschem Boden soll nie wieder ein Grill ausgehen.“
Wer sich auf den Grill begibt, muss die Hitze ertragen. Das musste Frau Merkel erst gestern wieder erfahren. Ganz gegrillt sah sie vor dem dritten Wahlgang aus, das armes Würstchen! Im Zeit-Magazin von heute muss ich erfahren, dass nun auch Deutschlands standhaftester Grill-Verächter („Grillen ist ein Kennzeichen der Primitvküche“) schwach geworden ist: Wolfram Siebeck hat einen Grill erworben, zusammengebaut („Das Auspacken ging fast wo einfach wie damals, als ich bei Ikea ein Schreibpult gekauft hatte, das ich selber zusammenbauen musste. Von der Montage blieben eine Narbe sowie ein Kilo Schrauben und Stöpsel zurück") und in Betrieb genommen. Er wird mit seinen Grill-Erfahrungen in den nächsten Wochen Deutschlands Grill-Gourmets entzücken.Â
Das Thermometer zeigt glutheiße Außentemperaturen an. Seit Stunden grillt mein Hirn im eigenen Saft – obwohl darin (im eigenen Saft)  ja allenfalls etwas schmoren kann – oder? Bevor es noch schlimmer wird, schalt ich jetzt Rechner und Gehirn aus und schmeiß den Grill an. Wohl bekomms.



