Eiweiß – als „Kraftnahrung“ überschätzt
Manche Vorurteile sind nicht auszurotten – die Ansicht, dass man zum Aufbau neuer Muskeln besonders viel Eiweiß braucht, gehört dazu. Bis heute beherrscht der Mythos vom Muskel bildenden Protein die Diskussion – vor allem bei den Kraftathleten. Für Ernährungswissenschaftler ist das schon lange ein alter Hut : Selbst bei intensivem Training reichen 1,1g bis 1,5g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht und Tag völlig aus, um den erhöhten Bedarf zu decken. Dazu muss man wissen: Die durchschnittliche Eiweißaufnahme des Normalverbrauchers liegt bei unserer proteinreichen Alltagskost bereits bei 1,6 g pro Kilogramm Körpergewicht. Das entspricht schon dem Bedarf des Kraftsportlers. Überschüssiges Eiweiß wird vom Stoffwechsel übrigens in Körperfett verwandelt, was viele Muskelprotze wohl nicht wahrhaben wollen.
So liefert die Beziehung zwischen Sport und Ernährung vielfältige Beispiele dafür, dass der Mensch zur Übertreibung neigt. Da fasst einer den Entschluss, zwei-, dreimal wöchentlich ein Stündchen zu trainieren. Um sich für diese Belastung zu wappnen, legt er schon mal einen Vorrat an Kraftdrinks, Fitnesspräparaten und Eiweißriegeln an. Natürlich: Wer Sport treibt, verbraucht mehr Energie. Doch der zusätzliche Bedarf wird meistens überschätzt. Ein Beispiel: Benötigt eine 25jährige bei sitzender Tätigkeit täglich etwa 2500 Kalorien, erhöht sich dieser Energiebedarf durch eine halbe Stunde Freizeitsport (Radfahren, Schwimmen, Joggen) – je nach Anstrengung und Intensität – um 200 bis 400 Kalorien. Das entspricht gerade mal einem Butterbrot mit Käse oder Wurst oder einer Portion Müsli.
Mit derlei Zahlen und Argumenten ist überzeugten Fans von Präparaten kaum beizukommen, zumal sie sich in ihren Vorurteilen durch die geschickten Werbeargumente von Herstellern noch bestätigt sehen. Nach wie vor stellen Eiweißpräparate die größte Produktgruppe auf dem Markt für Sportlernahrung dar. Sie stehen an der Spitze einer fast schon unüberschaubaren Palette von Leistungsförderern oder ergogenen Stoffen, die zur Verbesserung der Energieversorgung, Vermehrung von Muskelgewebe oder Vermeidung sportbedingter Zellschäden beitragen sollen. Zu den bekanntesten gehören Kreatin L-Carnitin, Taurin und verschiedene Aminosäuren wie Arginin, Ornithin, Glutamin oder Tryptophan.  Wissenschaftlich bewiesen sind die in der Werbung versprochenen Wirkungen für keine der Substanzen – ganz abgesehen von den schwerwiegenden Begleiterscheinungen, zu denen die  Einnahme dieser Produkte führen kann.