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Sonntag, 5. September 2010
Lang lebe die Schnapsdrossel!
„Der Verzicht auf Wein ist ein Risikofaktor für unsere Gesundheit“. Ein Satz, dem ich neulich zufällig beim Aufräumen meines Bücherregals im Klappentext eines Werkes begegne, das einer meiner geschätzen Kolegen vor 15 Jahren geschrieben hat: „Täglich Wein“ heißt es und sein Verfasser ist der Ernährungwissenschaftler Nicolai Worm. Ich war immer schon der Meinung, ein Gläschen in Ehren solle niemand verwehren. Dieser Satz entlockt mir jedoch ein Stirnrunzeln. Ich erspare mir ein Nachlesen und denke, jedem seien seine Jugendsünden verziehen.
Heute lese ich in der Welt am Sonntag in der Rubrik Gesundheit die Überschrift: Saufen ist gesünder als völlige Abstinenz. Es geht in dem Kurzbericht um eine Studie, die über 20 Jahre hinweg von Forschern der Universität Texas mit 1824 Teilnehmern durchgeführt wurde. Das überraschende Ergebnis der kürzlich im Magazin "Alcoholism: Clinical and Experimental Research" erschienenen Untersuchung: „Selbst extensive Säufer haben eine höhere Lebenserwartung als jene, die überhaupt nichts trinken: Am längsten leben die moderaten Trinker. Eine stringente Erklärung für ihre Beobachtung haben die Forscher nicht und sie betonen, dass starkes Trinken natürlich Schädigungen der Leber und Krebs verursachen kann. Sie vermuten, dass demgegenüber ein vollkommen abstinentes Leben im Durchschnitt mit größerer Freudlosigkeit und weniger sozialen Kontakten einhergeht, was unter dem Strich noch ungesünder ist.“
Und wieder runzelt sich meine Stirn. Diesmal aber ganz tiefe Falten. Hat jemand den Alkoholkonsum der Forscher während der Erhebung und Auswertung der Daten untersucht? Die freie Interpretation der Ergebnisse muss den letzten Zweifler überzeugen: Weiß doch jeder, dass alle, die nicht trinken, freudlose Langweiler sind, die keinen Spaß im Leben finden und kommunikativ verarmt sind: Ohne Alkohol keine sozialen Kontakte. Das ist jedem Laien plausibel - wann sieht man schon mal Nüchterne schunkeln. Das ist Stoff auf die Mühlen der Schnapsdrosseln, wissenschaftliche Argumentationshilfe für Alkoholjunkies.
Möge die Untersuchung dort landen, wo sie hingehört: Auf dem Müllhaufen der Forschung, die keiner braucht. Wohl bekomms – darauf trinke ich jetzt einen!
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Freitag, 27. August 2010
Jugendliche & Alkohol: Verbote bringen gar nichts
An den Sinn von strikten Alkoholverboten für Jugendliche habe ich noch nie geglaubt. Mein Vater war Winzer. Ich durfte schon mit 12 am „Neuen“ nippen, und er hat mir erklärt, warum der eine besser und der andere schlechter ist, und was man in so einem Glas Wein alles riechen kann. Er hat mir aber auch von Anfang an erklärt, warum Maß halten beim Alkohol wichtig ist – genügend üble Beispiele dafür gab es auch damals schon. Bis heute liebe ich einen guten Schluck Wein, ohne jemals den Blick für’s rechte Maß verloren zu haben (..na ja, war da nicht hie und da mal was in der Studentenzeit? Kleine Jugendsünden, vergeben und vergessen).
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Mit meinem Sohn hab ich das genauso gehalten, manchmal schon mit schlechtem Gewissen, wenn mal wieder Schreckliches über jugendliche Komasäufer zu lesen war. Jetzt, wo der Knabe erwachsen wird, bin ich überzeugt von der Richtigkeit meiner Alkohol-Erziehungsstrategie. Darauf hat mich jüngst ein Bericht gebracht, der dieser Tage durch die Medien ging. So berichtete etwa die WELT: Jugendliche und junge Erwachsene, die in ihren Familien zum Essen eine geringe Menge an alkoholischen Getränken konsumieren dürfen, trinken als Erwachsene seltener bis zum Rausch und werden seltener alkoholkrank als Jugendliche, die zu Hause einem Alkoholverbot unterliegen. Das berichten Forscher um Lee Strunin von der Boston University (US-Staat Massachusetts) im Journal "Addiction, Research and Theory".
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Das Ergebnis stützt Studien, die bereits in den vergangenen Jahren gezeigt hatten: Ein moderater, altersangepasster Alkoholkonsum in der Familie wirkt suchtvorbeugend. Die Welt resümiert mit einem Gedanken, den ich nur unterstützen kann: Toleranz gegen Missbrauch - die US-Studie scheint eine häufig missachtete Weisheit zu reflektieren: Verbotenes lockt, überzogene Verhaltensregeln können das Gegenteil dessen bewirken, was sie bezwecken.Â
Freitag, 11. Dezember 2009
Droht ein neuer Weinskandal: Wie gefährlich ist Natamycin?
Im Wein ist Wahrheit - und manchmal ein bisschen Natamycin
Haben wir einen neuen Weinskandal? „Unappetitlicher Fund in deutschen Supermärkten“ heißt es auf Spiegel online: Staatliche Prüfer haben in  Rotweinen aus Argentinien und Südafrika das Antibiotikum Natamycin nachgewiesen. In Deutschland ist die Verwendung des Zusatzstoffes Natamycin (E 235) in Wein zwar verboten – interessanterweise aber bei einigen anderen Lebensmitteln erlaubt. Nachlesen kann man das etwa in einer Stellungnahme, die das Bundesinstutes für Risikobewertung (BfR) in Berlin zu der Substanz herausgegeben hat: „Natamycin ist eine antibiotisch wirkende Substanz, die in der Lebensmittelherstellung als Zusatzstoff zur Behandlung der Oberfläche von bestimmten Käsesorten und von getrockneten und gepökelten Würsten zugelassen ist und auch eingesetzt wird. Zugleich ist Natamycin auch ein Wirkstoff in bestimmten Humanarzneimitteln.“ In der Weinszene kommt deshalb Argwohn auf, mit den Natamycin-Funden solle Panikmache betrieben werden: Schon vermuten renommierte Weinjournalisten und Blogger eine von Hintermännern aus dem deutschen Weinbau lancierte Rufmordkampagne gegen Konkurrenzprodukte aus Übersee.
"Droht ein neuer Weinskandal: Wie gefährlich ist Natamycin?" vollständig lesen
Freitag, 6. Februar 2009
Weintester: Viel Elend und nur wenig Glanz
Haben Sie schon mal professionelle Weinverkoster bei der Arbeit beobachtet? Die pflegen mit einem Riesen-Brimborium zu schwenken und zu riechen und die Augen zu verdrehen. Sie schlozen und schlucken oder spucken  und schauen dabei so bedeutungsvoll dreinschauen, als hinge das Wohl der Menschheit von ihrer Probiererei ab. Alles nur Show, wie eine wissenschaftliche Untersuchung aus Amerika über die mangelnde Qualität von professionellen Weintestern in Kalifornien jetzt zeigt! Das Ergebnis ist vernichtend – mich wundert’s nicht. Mario Scheuermann – für mich übrigens einer der Könner und zuverlässigsten Verkoster in der Weinszene – berichtete gestern in seinem Drink-Tank Blog darüber:
„ Demnach hat der kalifornische Forscher Robert Hodgson in einer Vier-Jahres- Untersuchung im Rahmen der „California State Fair“ die Fähigkeit der Juroren untersucht Test-Urteile über Weine bei verdeckten Proben zu reproduzieren. Dazu setzte er den Panels dieser Mammut-Verkostung den gleichen Wein dreimal an verschiedenen Stellen des Tastings vor. Das niederschmetternde Ergebnis mag mancher als sensationell empfinden, mich überrascht es nicht: Lediglich zehn Prozent der Juroren war unter diesen Bedingungen in der Lage den Wein mit nahezu gleichen Noten zu bewerten. 80 Prozent wiesen erhebliche Schwankungen bei ihren Noten auf und zehn Prozent hatten offenbar überhaupt keine Massstäbe. Sie bewerteten den Wein mal als schlecht und mal aus goldwürdig.
Das Ergebnis dieser Studie deckt sich mit meinen langjährigen Erfahrungen bei zahllosen Blindverkostungen in den unterschiedlichsten Länder der Welt, an denen ich teilgenommen habe. Nach meinem Empfinden sind die allermeisten Weintester schlicht und ergreifend sensorisch zu unbegabt für ihren Job und speziell bei Proben, in denen Sorten, Cuvées oder Ausbaustile gemischt angestellt werden, komplett überfordert. Ich will damit sagen: sie können soviel verkosten wie sie wollen, sie werden es nie lernen.“
Das ist mir aus dem Herzen geschrieben. Als Sproß einer Familie von Weinbauern hat mich das Thema Wein immer begleitet – und die Sorte von besserwisserischen Wichtigtuern kenne ich zur Genüge. Zur Ehrenrettung der Branche bleibt zu sagen: Einige wenige können es wirklich – die Studie dürfte mit 10 % ermittelten echten Kennern durchaus auch für europäische Verhältnisse zutreffend sein. Interessant ist die Diskussion in den Kommentaren zu Scheuermanns Artikel, wo z.B. Erfolgswinzer und Wein-Blogger Dirk Würtz einen Verkostungsführerschein verlangt und Dirk Hofschuster – ebenfalls einer der Könner der Branche - urteilt:
"Proben und Prämierungsveranstaltungen mit Jurys aus zum Teil mäßig bis gar nicht ausgebildeten Verkostern aus verschiedensten Ländern und Berufen sind reine Lotterie. ... Qualitative Standards sollen und müssen von Profis gesetzt und überprüft werden, auch wenn sie für die Mehrzahl der betroffenen Personen unerheblich scheinen, da sonst einem schleichenden Verfall der Qualitäten Tür und Tor geöffnet werden. Am Ende werden die Schluderer belohnt und die Gewissenhaften bestraft."
Donnerstag, 15. Mai 2008
Wein und Gesang: Da kommt Stimmung auf!
Englische Studie lässt vermuten: Mit der richtigen Musik schmeckt noch der letzte Fusel
Endlich mal wieder Neues aus der Serie „Forschungsergebnisse, auf die die Welt gewartet hat.“:  Dass Kühe bei Mozart mehr Milch geben, wissen wir bereits. Schottische Wissenschaftler haben sich nun ernsthaft damit beschäftigt, die Wirkung von Musik auf die Genuss-Intensität beim Weintrinken zu erforschen. Herausgekommen ist dabei eine ziemliche Kakophonie. So empfehlen die Autoren zu Cabernet Sauvignon unter anderem "All Along The Watchtower" von Jimi Hendrix oder "Honky Tonk Woman" von den Rolling Stones. Chardonnay dagegen entfalte sich bestens bei "Atomic" von Blondie, "Rock DJ" vom Popper Robbie Williams, "What's Love Got To Do With It" von Tina Turner oder auch "Spinning Around" von Kylie Minogue. Maehr darüber hier oder  hier .
Ob der Genuss von Roséweinen durch die Hits von Pink auf den Höhepunkt gebracht wird, wurde anscheinend genauso wenig untersucht wie die Frage, ob die Toten Hosen  helfen können, das Formtief nach zu heftigem Spätburgundergenuss zu überwinden.  Wenn Pink mit „Dear Mr. President“ loslegt, dürfte das republikanischen Rosétrinkern zumindest gewaltig auf den Magen schlagen. Vermutlich können sich die Forscher nun vor Aufträgen nicht mehr retten - Chiantipanscher und Reservafälscher dürften bereits in der Warteschlange stehen um die beste Variante für das Sonderangebot 12 + CD herauszufinden.
Wohl bekomms meint: Die Studie hätte ich gerne gemacht: Mich nächtelang bei Rock, Blues und Reggae mit Chardonnay, Cabernet und Merlot zudröhnen und via Aufzeichnung der entsprechenden Stimmungskurven zum Dr. rer. alc. promovieren. Schade, dass mir das damals nicht eingefallen ist. Die Untersuchung fand übrigens in „Zusammenarbeit mit einem chilenischen Weingut“ statt. Im Klartext heißt das: Der begnadete chilenische Weinmacher und bekennende Lebemann Aurelio Montes hat die Sache gesponsert. Aus den Meldungen geht nicht hervor, ob er auch als Versuchsperson an der Studie teilgenommen hat.

Drei Stimmungskanonen aus Chile: Aurelio Montes (Mitte), Chiles bekanntester Winemaker, mit seinen beiden Mitgesellschaftern. Wer solche Weine macht wie die drei, hat sogar ohne Musik immer gut lachen (zur Website der Bodega geht's hier.) Photo: Vina Montes.
Das Sponsoring durch Vina Montes scheint allerdings für gravierende methodische Fehler der Studie verantwortlich zu sein. So wurde die stimulierende Wirkung deutscher Volksweisen (z.B. „Warum ist es am Rhein so schön“, „Ja so ein Tag….“, „Man müsste noch mal 50 sein“ oder „Ja so en scheene Palzwoi, der laaft ehm in de Hals noi“) auf den Genuss hiesiger Rieslingweine überhaupt nicht in die Untersuchung einbezogen. Â
Donnerstag, 3. April 2008
Macht Wein dumm?
Wein schadet dem Gedächtnis mehr als Bier, so das Ergebnis einer Studie zur Wirkung von Alkohol
Dass zu viel Alkohol nicht gut für den Kopf ist, dürfte niemanden wirklich überraschen. Wissenschaftler der Universität Göttingen haben nun herausgefunden, dass das Ausmaß des Schadens für den Kopf ganz wesentlich von der Art des Alkohols abhängt. Das verblüffende Ergebnis: Wein schädigt unsere grauen Zellen deutlich mehr als Bier. Der Rebensaft lässt unser Hirn und damit gleichzeitig die Gedächtnisleistung bedenklich schrumpfen.
Nach einem Bericht der WELT ist die in der Fachzeitschrift "Alcohol & Alcoholism" veröffentlichte Studie weltweit die erste, bei der ein Zusammenhang von Gehirnschrumpfung und der Art des konsumierten Alkohols hergestellt worden ist. Mithilfe eines Magnetresonanz-Tomografen vermaßen die Forscher die Größe des Hippocampus der Versuchspersonen, also jenes Hirnareals, das unter anderem bei Gedächtnisleistungen eine wichtige Rolle spielt. Während der Hippocampus von Nichttrinkern im Mittel ein Volumen von 3,85 Millilitern aufwies, fanden die Forscher bei Biertrinkern 3,4 Milliliter und bei Konsumenten vorwiegend hochprozentiger Spirituosen 2,9 Milliliter. Nur bei den Weintrinkern entpuppte sich der Hippocampus mit 2,8 Milliliter Volumen als noch kleiner. Die Göttinger Wissenschaftler vermuten, dass Bier Substanzen enthält, die den durch Alkohol verursachten Schädigungen entgegenwirken können. Zudem stellten sie fest, dass das Blut der Biertrinker die geringste Konzentration der Aminosäure Homocystein aufweist. Diese Substanz erhöht - wie bereits andere Studien gezeigt haben - das Risiko für Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Demenz. Es könnte sein, so vermuten jetzt die Forscher, dass die im Bier enthaltenen Vitamine Folsäure und Vitamin B zu einem Abbau des Homocysteins führen.
Wohl bekomms meint: Warum denn alles gleich negativ sehen! Wie wäre es mit folgender Interpretation der Studie: Warum geht es dem Weintrinker nach einem heftigen Gelage viel besser als dem Biertrinker? Weil er viel schneller vergisst, wie schlecht es ihm danach war. Damit wäre der Zusammenhang zwischen Wein und Gesundheit doch schon wieder gerettet. Oder?
Als Winzersohn bin ich dem Weingenuss (Betonung auf Genuss!) seit jeher zugetan. Die massiven Bemühungen der Weinlobby, Wein ob seiner positiven Wirkungen zum Gesundheitselixier zu stilisieren, verfolge ich allerdings schon lange mit gewissen Zweifeln. Alkohol ist und bleibt ein Genussgift. Wein enthält pro Liter 10 bis 15% Alkohol. Das macht beim Überschreiten einer maßvollen Trinkmenge von einem Viertel Liter pro Tag die positiven Effekte von allen möglichen anderen Inhaltsstoffen (z.B. Resveratrol & Co.) schnell zunichte. Jedem sein Gläschen in Ehren – aber damit muss es dann auch gut sein.Â
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